Fantasien, die man nicht ausspricht – warum so viele Bilder im Kopf bleiben

Es gibt Bilder, die kennst du seit Jahren. Sie tauchen auf, wenn du allein bist, manchmal auch mitten im Sex, und sie verschwinden genauso leise wieder. Erzählt hast du davon vermutlich noch niemandem. Damit bist du in sehr guter Gesellschaft.

 

Fast alle haben sexuelle Fantasien

Der US-amerikanische Sozialpsychologe Justin Lehmiller hat für sein Buch Tell Me What You Want über 4.000 Menschen zu ihren sexuellen Fantasien befragt. Rund 97 Prozent gaben an, welche zu haben. Zu den häufigsten Themen gehören Sex mit mehreren Menschen, Macht und Hingabe, Neues und Abenteuerliches, Tabus sowie Leidenschaft und Romantik.

Auffällig ist, wie oft sich Menschen in ihren Fantasien selbst verändern: einen anderen Körper, ein anderes Alter, eine andere Haltung. Heterosexuelle Männer stellen sich dort häufig hingebungsvoller vor als im Alltag, heterosexuelle Frauen dagegen häufig dominanter. Die Fantasie ist also selten eine bloße Verlängerung des eigenen Lebens. Oft ist sie ein Ort, an dem du jemand sein darfst, der du sonst nicht bist.

Und noch etwas überrascht viele: Die Person, die in Fantasien am häufigsten vorkommt, ist die eigene Partnerin oder der eigene Partner. Fantasien nehmen der Beziehung also nicht zwangsläufig etwas weg. Häufig dichten sie etwas hinzu.

 

„Ungewöhnliche” Fantasien sind seltener, als du denkst

Eine kanadische Studie um den Psychologen Christian Joyal (2015) wollte herausfinden, welche sexuellen Fantasien statistisch tatsächlich selten sind. Das Ergebnis: sehr wenige. Vieles, was Menschen für ihr dunkelstes Geheimnis halten, teilt ein großer Teil der Befragten.

Besonders viel Aufmerksamkeit bekam ein Befund: Zwischen 30 und 60 Prozent der befragten Frauen kannten Fantasien, in denen es um Unterwerfung geht. Viele von ihnen sagten zugleich sehr klar, dass sie so etwas in der Realität nicht erleben möchten. Männer gaben dagegen häufiger an, ihre Fantasien auch ausleben zu wollen, aber auch bei ihnen bleiben viele Bilder bewusst im Kopf.

 

Eine Fantasie ist kein Wunsch

Genau hier liegt einer der wichtigsten Gedanken rund um Fantasien. Manche Fantasien enthalten einen echten Wunsch, etwas, das du gerne ausprobieren würdest. Andere funktionieren gerade deshalb, weil sie Fantasie bleiben.

In deinem Kopf kann nichts schiefgehen. Niemand wird verletzt, nichts wird peinlich, du kannst jederzeit anhalten oder umschreiben. Selbst wenn du dir vorstellst, vollständig ausgeliefert zu sein, führst du dabei selbst Regie. Hingabe wird dort reizvoll, wo sie sicher ist, und kaum ein Ort ist so sicher wie die eigene Vorstellung.

Eine Fantasie ist deshalb auch kein Urteil über deinen Charakter. Wer sich in Gedanken unterwirft, kann im Leben trotzdem sehr gut für sich einstehen.

 

Warum wir unsere Fantasien nicht aussprechen

Es fehlen die Worte. Viele Fantasien bestehen eher aus Fragmenten als aus Geschichten: eine Hand im Nacken, ein einzelner Satz, eine Temperatur, ein Ziehen im Bauch. Laut ausgesprochen schrumpfen sie oft auf etwas Plattes zusammen, das nichts mehr von ihrer Wirkung transportiert.

Die Angst, falsch verstanden zu werden. Wer eine Fantasie teilt, riskiert, dass das Gegenüber sie als Auftrag hört, als Kritik an der Beziehung oder als Aussage darüber, wer man „wirklich” ist.

Das Geheimnis gehört dazu. Manche Fantasien wollen gar nicht geteilt werden. Ein Teil ihres Reizes liegt darin, dass sie nur dir gehören.

Eine Fantasie für dich zu behalten, ist übrigens kein Versäumnis. Es ist dein Innenleben, und niemand hat Anspruch auf einen vollständigen Einblick in deinen Kopf.

 

Aussprechen oder benennen?

Zwischen beidem liegt ein Unterschied. Aussprechen heißt, etwas mit einem anderen Menschen zu teilen. Benennen heißt, dir selbst zu erlauben, zu wissen, was da ist. Viele Fantasien bleiben auch vor uns selbst unscharf, sie werden kurz genossen und schnell weggeschoben. Manchen hilft es, ihre Fantasien für sich aufzuschreiben, andere spüren einfach einmal bewusst nach. Einen richtigen Weg gibt es nicht.

 

Wie erotische Hypnose ungesagten Fantasien Raum gibt

In einer erotischen Hypnose musst du nichts sagen und nichts erklären. Eine Stimme spricht, du hörst zu, niemand schaut dich an. In Trance wird der innere Kommentator leiser, und das Unbewusste bekommt mehr Raum.

Gute Hypnosen arbeiten dabei oft mit offenen Suggestionen: „Jemand steht hinter dir, und du musst nicht wissen, wer es ist.” Solche Sätze lassen bewusst Lücken, die du mit deinen eigenen Bildern füllst. Die Stimme liefert den Rahmen, du den Inhalt, und niemand außer dir erfährt, was darin stand.

Eine Hypnose beantwortet keine Lebensfragen und macht aus einer Fantasie keine Entscheidung. Sie kann aber ein Ort sein, an dem etwas Ungesagtes zum ersten Mal Gestalt annimmt, in deinem Tempo und ohne Publikum.

 

Wenn eine Fantasie unangenehm ist

Nicht jede Fantasie ist willkommen. Manche Bilder tauchen auf, obwohl du sie gar nicht haben möchtest, und passen so gar nicht zu deinem Selbstbild. Auch sie sagen nichts über deinen Charakter aus. In Trance bleibst du du selbst: Du kannst jederzeit aufhören, und eine Suggestion, die nicht zu dir passt, darfst du vorbeiziehen lassen.

Belastet dich eine Fantasie wirklich, weckt sie also eher Druck oder Angst als Lust, ist eine Hypnose nicht der richtige erste Schritt. Dann kann ein Gespräch mit einer vertrauten Person oder einer sexualtherapeutisch erfahrenen Fachperson guttun.

 

Zum Weiterhören

Mehr dazu erzählt Marie in Folge 1 der zweiten Staffel des OHRgasmus Podcasts: Fantasien, die man nicht ausspricht. Passend dazu: Kontrolle abgeben – warum das keine Schwäche ist.

→ Mehr über sexuelle Fantasien erfahren

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