Tauchen und Trance

Frau schnorchelt mit grünen Flossen im blauen Meer

Eine Liebeserklärung an das Hinabsinken

Seit über zehn Jahren bin ich begeisterte Sporttaucherin.

Vielleicht auch deshalb, weil die Parallelen zur (erotischen) Hypnose so offensichtlich sind. Oder vielleicht bin ich zur Hypnose gekommen, weil ich das Tauchen schon kannte — und wusste, wie es sich anfühlt, sich bewusst fallen zu lassen.

 

Tauchen braucht Vorbereitung. Ausreichend Zeit. Und möglichst wenig Erwartungen.

Das klingt simpel. Ist es nicht. Denn wer mit einem bestimmten Bild im Kopf ins Wasser geht — wer unbedingt den Hai sehen will, den Schwarm, das Riff in bestimmten Farben — der verpasst das was wirklich da ist. Tauchen belohnt Offenheit. Es belohnt die Bereitschaft, anzunehmen was kommt.

Genauso wie Trance.

 

Besonders wenn man vom Boot aus startet, erkenne ich einen Spannungsbogen der mir vertraut ist.

Schon auf dem Weg hinaus bleibt der Alltag ein Stück zurück. Das Wasser um das Boot, das Rauschen des Motors, die Salzluft — all das sagt dem Nervensystem: etwas verändert sich. Etwas beginnt. Ich folge den Hinweisen meines Guides. Mein Buddy und ich checken nochmal ob alles stimmt. Liegt die Ausrüstung gut? Funktioniert alles? Geht es uns gut?

Können wir alles mit Ja beantworten — dann kann es losgehen.

Das ist Rapport. Das ist der Moment in einer Hypnose wo Vertrauen entsteht, wo der Rahmen gesetzt wird, wo man spürt: Ich bin sicher hier. Ich kann mich fallen lassen.

 

Wir lassen uns rückwärts ins Wasser fallen.

Rückwärts. Das ist wichtig. Man schaut nicht wohin man geht. Man gibt die Kontrolle an den Moment ab — und an die Person neben einem, die denselben Sprung macht.

Dann ein letzter kurzer Check an der Oberfläche. Alles gut? Handzeichen geben. Und dann — hinab.

Wir atmen lang aus. Lassen uns sinken.

 

Und sofort hüllt mich etwas ein, das ich kaum beschreiben kann.

Es ist Ruhe — aber keine Stille. Unterwasser gibt es Geräusche. Das Knistern von Lebewesen im Gestein. Das dumpfe Rauschen des eigenen Atems. Geräusche die langsamer scheinen, weiter entfernt, nicht genau ortbar. Als kämen sie aus einer anderen Welt — oder als wäre man selbst in eine andere Welt eingetreten.

In Trance ist es genauso. Geräusche verschwinden nicht — sie verlieren nur ihre Dringlichkeit. Sie sind da, aber sie greifen nicht mehr. Man hört sie, wie durch Wasser.

 

Mit jedem Meter sinke ich tiefer. Ganz wie in einer Induktion mit anschließender Vertiefung.

Werde langsamer. Ruhiger. Mehr Teil dieser geheimnisvollen Welt, die ihre eigenen Gesetze hat — eigene Zeit, eigene Schwere, eigene Farben.

In großer Tiefe verändert sich das Licht. Das Rot verschwindet zuerst, dann das Orange, dann das Gelb. Was bleibt ist Blau. Tiefes, weiches, alles umhüllendes Blau. Eine Farbe die nicht beunruhigt sondern trägt.

Für eine Weile darf ich dort sein. Eins sein.

Ich bin ganz bei mir. Beim Geräusch meines Atems — dem einzigen Rhythmus der zählt. Bei den Formen und Strukturen um mich herum. Bei den Kreaturen die mich mustern, die nicht flüchten, die manchmal sogar neugierig näherkommen. Als wäre ich kein Eindringling, sondern ein Gast.

Das ist der Kern. Gast sein in einer anderen Welt — und willkommen.

 

Und dann, irgendwann, ist es Zeit zurückzukehren.

Nicht sofort. Nicht hastig. Tauchen erlaubt keine Hast beim Aufstieg — der Körper braucht Zeit um sich anzupassen, Schicht für Schicht. Man steigt langsam auf. Macht eine Pause. Atmet. Steigt weiter.

Ich mag diesen Teil. Den langsamen Weg zurück.

Weil er nicht Abbruch ist — er ist Abschluss, eine Ausleitung. Eine Gelegenheit, das Erlebte noch ein letztes Mal zu spüren, bevor die Oberfläche kommt. Bevor das Licht heller wird, das Blau dem Türkis weicht, das Türkis dem Silber der Oberfläche.

Und dann — Kopf raus. Luft. Licht. Die Welt die man verlassen hat, ist noch da.

Aber man selbst ist ein kleines bisschen anders.

 

Genauso ist es nach einer guten Trance.

Man kommt zurück — langsam, in eigenem Tempo — und die Welt sieht genauso aus wie vorher. Derselbe Raum, dieselben Geräusche, dasselbe Licht.

Und trotzdem ist da etwas. Eine Stille die bleibt. Eine Leichtigkeit. Das Gefühl, für eine Weile wirklich unten gewesen zu sein — in sich selbst — und heil wieder aufgetaucht.

In meinem Tempo.

Immer in meinem Tempo.

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